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Bildungsgutscheine - dürfen alle wählen?

Sollen Eltern einen Bildungsgutschein für ihre Kinder erhalten und damit die Schule für die Kinder frei wählen können?

Das klingt fair und fördert die Qualität unserer Schulen, indem sie sich im Markt durch Wettbewerb behaupten müssen. Ressourcen würden wirkungsvoller und nachhaltiger eingesetzt, Schulen würden an Profil gewinnen, Kennzahlen erlangten zum Durchbruch. Den Kindern ginge es besser, sie würden in kleineren Klassen individuell gefördert, persönliche Portfolien würden Können und Leistungen der Kinder dokumentieren und überhaupt, die Freiheit und die Selbstverantwortung der Eltern wären endlich durchgesetzt.

Der Bildungsgutschein ist aber nicht die Lösung. Er fördert die Gettoisierung der öffentlichen Schule und trennt reich von arm. Die angestrebte Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen bleibt damit auf der Strecke.

Es ist unbestritten, dass manchmal die Chemie zwischen Lehrperson und Kind nicht stimmt. Auch gibt es Klassen, in denen ein Kind nicht genügend gefördert wird, weil das Umfeld nicht optimal ist. Hier braucht es Verbesserungen, wegschauen und totschweigen gehen nicht.

Die öffentlichen Volksschulen werden getragen durch Gemeinde und Kanton. Sie werden durch Steuern finanziert und sind für alle Kinder unentgeltlich. Sofern in der Wohngemeinde vorhanden, besuchen sie dort den Unterricht.

Besucht heute ein Schulkind den Unterricht in einer anderen Gemeinde, weil es vielleicht mit der Lehrperson nicht zurechtkommt oder weil der Schulweg dadurch kürzer ist, bezahlen Eltern je nach Schulstufe monatlich ungefähre 600 Fr. – 1'000 Fr. Schulgeld. Diese Kosten setzen sich zusammen aus Investitions-, Betriebs- und Lohnanteilkosten.

Manche Privatschulen machen das Schulgeld abhängig vom Einkommen der Eltern, andere verlangen mehrere Tausend Franken pro Monat, wobei es hier nicht um Preise von „Elite- oder Luxusschulen“ geht.

Privatschulen entscheiden selber und uneingeschränkt darüber, welche Schülerinnen und Schüler sie aufnehmen. Passt ein Kind also nicht in ihr Anforderungsprofil, kann es abgewiesen werden. Ebenso müssen sie an ihre Wirtschaftlichkeit denken und Kunden ansprechen, welche gerne bereit sind, das geforderte Schulgeld zu bezahlen und einen zusätzlichen freiwilligen Beitrag in Form einer Gönnerschaft an die Schule entrichten. Eine solche Schule muss sehr attraktiv sein. Geworben wird mit kleinen Klassen, individueller Förderung, grossem sportlichen und musischen Angebot, modernsten technischen IT - Angeboten, einem Nachhilfe-, Aufgabenhilfe- und einem grosszügigen Raumangebot. Das kostet viel Geld.

Eine solche Schule können sich nur sehr gut verdienende Eltern leisten. Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien haben kaum die Möglichkeit, diese Schule zu besuchen.

Erhalten nun alle Eltern einen Bildungsgutschein für ihre Kinder, so profitieren einkommensstarke Eltern davon. Die einkommensschwachen Familien können noch immer nicht wählen, es fehlen nämlich 1000 bis 2000Franken Schulgeld pro Monat. Gleichzeitig werden den öffentlichen Schulen Mittel entzogen (Gegenwert der privat eingesetzten Bildungsgutscheine), was auf deren Qualität und Entwicklungsmöglichkeiten negativen Einfluss hat. Die öffentliche Schule verliert an Attraktivität, gute Lehrpersonen wandern ab, weitere Eltern nehmen die Zusatzkosten einer privaten Schule in Kauf, die Spirale der Gettoisierung dreht sich. Die wichtigste Grundlage einer sozialen Marktwirtschaft, nämlich gleiche Startchancen für alle, wird entzogen.

Der Bildungsgutschein als Zahlungsmittel zwischen verschiedenen öffentlichen Schulen könnte ein Ansatz in Richtung Wettbewerb sein. Somit würde die Durchlässigkeit im öffentlichen Schulsystem, zum Beispiel bei Problemen zwischen Lehrkraft und Eltern, verbessert.

Rita Boeck

Mutter und Lehrerin
Einwohnerrätin
Grossrätin

im Juni 2008


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